Pfingstmontagabend

Feiertage, herrlich. Der Mann weilt mit seinen Buben am Meer und tut, was auch immer Männer um die vierzig in ein paar Tagen Auszeit eben so tun. Ich blieb allein zu Hause mit dem kleinen Buben, der mit acht Monaten leider noch nicht an solchen Herrenurlauben teilnehmen darf. Zugegeben, ich war etwas nervös vor dem langen Wochenende. Die Tage zuvor waren hart gewesen, beruflich, privat und wie das mit Kleinkind so ist, gibt es ungeachtet aller Gegebenheiten stets Berge von Wäsche zu waschen, Dreck zu beseitigen, Tränen zu trocknen und das endlose kindliche Bedürfnis nach Geborgenheit und Liebe zu stillen. Ich wäre ebenfalls reif fürs Meer gewesen vor diesem Wochenende. Jetzt bin ich reif für drei Monate in einer psychosomatischen Klinik in den Schweizer Bergen. Oder alternativ: Für einen ruhigen Tag im Büro.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben ein ähnlich anstrengendes Wochenende erlebt zu haben. Nicht als ich rund um die Uhr für den Abschluss an der Uni büffelte. Nicht als ich mit einer Band innerhalb eines Wochenendes von Basel nach Wien und Leipzig gefahren bin – im Bus wohlgemerkt, den ich streckenweise selber fahren musste – um von 24 Uhr bis 3 Uhr morgens Konzerte zu spielen und am Montag danach frisch wie eine Frühlingsblume im Morgentau im Büro zu sitzen. Alles ein Klacks gegen ein Wochenende mit einem Kleinkind, das seit fünf Tagen krabbelt und die Welt entdecken will. Immer. Überall.
Ich habe nicht gezählt, wie oft ich den Kleinen unter lautstarkem Protest auf dem Wickeltisch festhalten musste, damit er sich mit verschissenem Hintern nicht auf den Bauch dreht und davonrobbt. Ich habe auch die Kotzspuren nicht gezählt, die ich auf Parkett, Teppich, Sofa und von meiner neuen Bluse/dem T-Shirt/ der Jeans/den Schuhen beseitigte. Meist nachdem das Kind mit seinen Patschehändchen die Kotze bereits grossflächig verteilt hat. Ich hab Brei gekocht, war mit dem Bub an der frischen Luft, hab ihn gebadet, ihn gefüttert, mit ihm «Guguus-Dodoo» gespielt, ihn durch die Luft gewirbelt, seine Tränen der Empörung, des Frustes, der Langeweile, des Schmerzes getrocknet… und die Zeit wollte einfach nicht vergehen.
Doch nun – halleluja! – ist Pfingstmontagabend. Ich bin alleine zu Hause. Bevor ich dem Kind ein Messer in den Rücken rammte, um endlich meine bitter benötigte Ruhe zu bekommen, habe ich es bei den Grosseltern zur Übernachtung abgeliefert. Bereits unterwegs im Auto, als es auf dem Rücksitz brüllte, als hätte ich ihm das Messer tatsächlich in den Rücken gerammt, fragte ich mich, ob der Rosé im Kühlschrank wohl für den ganzen Abend reichen würde. Oder ob ich auf der Heimfahrt, bei der kein Kind mehr brüllen, dafür Musik in ohrenbetäubender Lautstärke ertönen würde, noch kurz eine Flasche an der Tanke holen sollte.
Vielleicht bin ich einfach nicht der Typ Mutter, der tagelang mit dem Kleinen Tutsitutsi macht. Vielleicht bin ich zu alt oder einfach nur zu müde, um 15 Stunden am Tag mit einem bald 10kg schweren Kleinkind auf dem Arm oder am Bauch oder am Rücken herumzurennen. Deshalb will ich mir aber jetzt, wo ich mir ein Glas kühlen Rosé auf der Terrasse gönne, im Wissen darum, dass eine weitere Flasche bereits in perfekter Temperatur auf mich wartet, kein schlechtes Gewissen machen. Ich weiss, ich habe meine Qualitäten. Ein feines Gespür für Mode, Stil und Design zum Beispiel. Die Gabe, wirklich zuzuhören. Überdies kenne ich die das/dass-Regel aus dem Effeff. Und das (nicht dass!) können ja nun wirklich nur erschreckend wenige deutschsprachige Menschen von sich behaupten.
Es ist Pfingsmontagabend. Mein Abend. Niemand wird heute mehr an meinen Haaren reissen. Ich muss niemanden mehr davon abhalten, an meiner Gitarre herumzuzerren oder sich die Finger im Türspalt einzuklemmen. In spätestens zwei Stunden liege ich im Bett und es wird Ruhe herrschen. Ich werde nachts nicht aufstehen müssen. Und morgen erwartet mich ein entspannter Tag im Büro. Omm.
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Dieser Beitrag wurde am 5. Juni 2017 um 16:31 veröffentlicht. Er wurde unter Babykram abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Pfingstmontagabend

  1. Andrea sagte am :

    echt jetzt? du hast ein Kind und so ein Gejammer…schlimm.

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