Eine Frage der Zeit

Es ist verrückt, wie vielbeschäftigt die Menschen um mich rum sind. Es scheint, als wäre ich als einzige stets verfügbar und für jede Schandtat zu haben. Spontaner Lunch im Park: Super Idee. Feierabendbierchen am Rhein: Aber gerne doch! Grillieren im Wald: Ich back noch schnell einen Kuchen. Nur: Das ist alles Theorie. In Wahrheit gibt es in meinem Leben keine spontanen Verabredungen. Denn in meinem Leben müssen Dates drei Monate im Voraus geplant werden – und finden dann nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent statt.
Normalerweise ist am Tag X entweder der Kleine krank («er hat Fieber, da kann ich ihn unmöglich alleine lassen») oder der Papi («wer soll denn nun den Kleinen hüten?») oder die Verabredung selber («seit gestern am Scheissen und Kotzen – der Kleine brachte den Käfer aus der Kita mit»). Sollte ein von langer Hand geplantes Treffen wider Erwarten stattfinden, dann ist Thema Nummer eins: Der Kleine (denn er ist gerade unglaublich süss!!!). Jeder Furz wird mir da während eines Essens rapportiert, jedes Foto und jedes Filmchen auf dem iPhone unter die Nase gehalten.
Und ich? Aus lauter Dankbarkeit, dass endlich wieder einmal eine Treffen zustande gekommen ist, lächle ich, lasse die leidenschaftlichen Mutti-Monologe über mich ergehen und denke wehmütig an frühere Zeiten zurück, als wir uns niemals zum Essen, sondern direkt zum Trinken verabredet haben, um nächtelang über Gott und die Welt und vor allem über Männer und Sex zu philosophieren. Es war herrlich. Es war inspirierend. Es war erhellend. Es war saumässig lustig. Es war.
Doch nicht nur Eltern, auch sonst scheint niemand mehr Zeit zu haben für Gemütlichkeit, ein Glas Wein und etwas Klatsch und Tratsch. Alle sind vielbeschäftigt, wischen nervös über ihr Telefon, um krampfhaft irgendwelche Randtermine für eine Tasse Tee («aber ich hab dann wirklich nur eine halbe Stunde!») zu finden. Freie Wochenenden gibt es nicht mehr. Geburtstage, Elternabende, Quartiervereins-Sitzungen, Hochzeitstage und Meetings dafür umso mehr. Familien verschmelzen zu undefinierbaren, komplett verplanten Familienmassen, Singles und Paare werden zu nervösen Terminjägern, die ein ausgefülltes Outlook mit einem ausgefüllten Leben verwechseln.
Vermutlich sehe ich alles viel zu eng. Schliesslich haben meine Freunde exakt genau gleich viel Zeit zur Verfügung wie ich. Sie wollen sie nur einfach nicht mit mir verbringen. Was ja völlig ok ist. Aber könnte mir ja auch mal einer sagen.

Bild: Andreas Dengs, http://www.photofreaks.ws  / pixelio.de  

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Dieser Beitrag wurde am 4. Juli 2014 um 14:46 veröffentlicht. Er wurde unter Babykram, Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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