Wahnsinn Alltag

«Manchmal weiss ich nicht, wie lange ich diese Gesellschaft noch ertrage», klagte mein Liebster kürzlich, als ich an einem Augustabend in der heissen Badewanne lag und mich vom Sommerwetter erholte, während er mir auf dem Klodeckel sitzend Gesellschaft leistete. Er habe kürzlich gelesen, der neuste gesellschaftliche Trend seien Angstzustände. «Wovor fürchtet man sich denn heute dermassen?», fragte ich. «Vor allem. Vor der Zukunft, der Herausforderung im Job, vor anstehenden Prüfungen – vor dem Leben», meinte er.
«Ich hatte früher auch Angst vor Prüfungen», erinnerte ich mich. «Klar, aber heute rennt man beim kleinsten Anflug von Nervositäts-Diarrhö zum Spezialisten und lässt sich krank schreiben», lamentierte es aus Richtung Klo. Überdies habe er eben in der Glotze gesehen, dass sich Jugendliche neuerdings in Rudeln die Unterarme aufritzen. «Wer keine triefenden Wunden vorzuweisen hat, ist out. Dabei sind die gar nicht krank, die wollen nur hip sein!»
Und sein Wehklagen ging weiter: «Mir gehen doch aber schon die Veganer auf den Sack, die Lebensmittel-Unverträglichkeits-Päpste und die Transgender-Fraktion. Die alle immer mit ihren Extrawürsten!», zeterte er. «Die Veganer schreien nach Militärstiefeln aus Baumwolle, damit auch sie ihrem Vaterland dienen können, ein einziger vermeintlicher Haselnuss-Allergiker verdammt ein ganzes Schulhaus dazu, nur noch Peperoni und Apfelschnitze zum Znüni zu fressen und all jene, die sich nicht entscheiden können, ob sie Männlein oder Weiblein sein wollen, fordern separate Toilettenkabinen für alle möglichen Vorlieben. Keiner kann heute mehr einfach normal sein», stöhnte er, «nichts ist einfach nur gut so, wie es ist.
Entweder man ist hyperintelligent oder autistisch oder retardiert oder alles in Kombination. Man kann nicht mal mehr gemütlich mit Freunden ein Bier saufen und eine Wurst grillieren, weil garantiert einer sich für ein fleischloses Leben entschieden oder dem Alkohol für den Rest seiner Tage abgeschworen hat oder erst gar nicht zum Haus raus kann, weil sich nach drei Fastentagen und einer extra Trainingseinheit migräneartige Kopfschmerzen eingestellt haben», jammerte er. «Kommt dazu, dass kleine Schuljungen sich mittlerweile bereits weigern, ihren Lehrerinnen die Hand zu geben, weil sich das nicht mit ihrer Religion vereinbaren lässt», nörgelt er weiter «und die Gesellschaft toleriert diesen Irrsinn auch noch!
Sind denn eigentlich alle komplett vom Wahnsinn umzingelt?», jammert es vom Klo herunter. Er war wirklich verzweifelt, mein Liebster. «Nein, ich nicht», versuche ich ihn zu beschwichtigen. «Ich bin gesund und munter, unkompliziert, gefrässig und zufrieden. Lass uns ausgehen, in ein feines Steak-House, an ein Konzert…» «Aber ich hab diese Woche total viel zu tun und komme vermutlich kaum je vor 22 Uhr aus dem Büro», erwiderte er in quengelndem Ton. «Womit der Wahnsinn bei uns zu Hause angekommen wäre», entgegnete ich trocken und füllte mir noch etwas heisses Wasser in die Wanne.
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Dieser Beitrag wurde am 19. August 2016 um 16:56 veröffentlicht. Er wurde unter Kopfkino abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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