Schlechtes Karma

Am Dienstag, 11. September 2001, schaute ich mir mit meiner Freundin «Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück» im Kino an. Ich weiss das deshalb noch so genau, weil ich nach dem Kino nach Hause ging, um Frederic, mein Meerschweinchen, mit Lattich zu füttern. Kopfsalat vertragen Meerschweinchen ja nicht so gut, davon bekommen sie Flatulenzen und eine furzende Meersau mag keiner im Wohnzimmer sitzen haben.
Frederic hatte mal meiner Schwester gehört. Sie brachte ihn mit in unsere WG, wo ich mich dermassen in das putzige Tierchen mit der punkigen Frisur verliebte, dass meine Schwester mir Frederic bei ihrem Auszug mit einer roten Schleife um den Bauch überliess. Fortan war Frederic mein einziger Mitbewohner und somit auch mein Buddy, meine Klagemauer, mein Partytiger, mein Campino. Frederic war eine total coole Sau.
Dass ich Frederic am Abend des 11. Septembers 2001 nach dem Kinobesuch mit meiner Freundin mit Lattich fütterte, weiss ich deshalb noch so genau, weil Frederic nicht essen wollte. Was ungewöhnlich war. Sehr ungewöhnlich. Er lag träge in der Ecke und blinzelte mich schief an. «Nun gut, wer nicht will», dachte ich mir und nahm Frederic auf meinen Schoss, um mal wieder seine wilden Haare zu bürsten. Dabei machte ich den Fernseher an. Und sah, wie ein Flugzeug in New York in einen Turm flog, worauf dieser mit viel Lärm und Staub in sich zusammenkrachte. Aus allen Perspektiven sah ich das Szenario. Auf allen Sendern. Und Frederic sah es auch. Und während er es sah, hörte sein Herz auf zu schlagen. Einfach so. Aus. Finito. Muerte.
Da sass ich nun mit einem Terror-Anschlag vor Augen und einem toten Fredi auf den Knien in meinem Wohnzimmer und war mit der Situation hilflos überfordert. Ich rang nach Atem. Ich schluchzte. Und ich heulte. Wegen irgendwelchen Psychopaten stand die ganze Welt Kopf und gleichzeitig lag mein bester Freund tot auf meinen Knien und wurde langsam steif. Heute, 15 Jahre später, bin ich über Frederics Tod hinweg. Überdies bin ich mir sicher: Fredi ist Opfer des islamistischen Terrors geworden. Weit entfernt von Konzerten, Flughäfen, Einkaufszentren oder Innenstädten, still und leise zuhause im Wohnzimmer.
Das war übel, damals. Dafür ist mir heute klar: Mich kriegen diese irren Terroristen nicht. Ich werde weiterhin furchtlos mein Leben geniessen. Reisend, shoppend, singend, trinkend. Sollen die kranken Psychopaten doch von ihren 72 Jungfrauen träumen, die ihnen im Jenseits als Dank für ihre vermeintlichen Heldentaten einen blasen werden. Ich bin mir sicher, sie werden keine einzige Schönheit je zu Gesicht bekommen. Weil sie umgehend als Meerschweinchen im Vorgarten eines südamerikanischen Gourmetkochs wiedergeboren werden. Schlechtes Karma. Ätsch.
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Dieser Beitrag wurde am 4. August 2016 um 16:27 veröffentlicht. Er wurde unter Kopfkino abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Schlechtes Karma

  1. Thomas sagte am :

    RIP, Freddy

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