Mein Online-Ich und ich

Kürzlich habe ich eine Facebook-Freundschaftsanfrage von einer Versicherungsfachfrau gekriegt. Mich hat fast der Schlag getroffen. Wer ist denn heute noch Versicherungsfachfrau? Ich dachte mir, diese Berufsgattung sei gemeinsam mit der Restaurationsangestellten, der Praxis-Assistentin und der Hochbauzeichnerin aus dem Netz verschwunden. Schliesslich gibt es dort auch keine Falten, keine Augenringe und keine gelben Zähne mehr. Online ist der Ort, an dem niemand gestresst, schlecht gelaunt, müde oder überfordert ist. Hier ist die Welt jung, schön, motiviert und erfolgreich. Und zwar ausschliesslich. Wer arbeitslos ist, nennt sich im Netz «selbständig». Wer keine Perspektive hat, lichtet sich täglich in einem anderen Zara-Fummel ab und ist fortan «Fashionista». Gestresste Mütter sind nicht länger gestresste Mütter sondern «freischaffend». Und – eh klar – wer schon mal besoffen auf einer Firmenfeier ein Liedchen geträllert hat, darf sich offiziell als Sängerin betiteln.

Überbelichtung frisst Hautunreinheiten weg. Von oben fotografiert wirkt die Nase kleiner. Von unten werden die Beine länger. Der Selfie-Stick schiesst tägliche Beweisfotos vom privaten Paradies mit massenhaft schönen Freunden, lustigen Kindern und Hunden mit glänzendem Fell. Die Lippen hat Frau immer schön zum Kussmund geformt – das macht nämlich totaaaal süüüüüsss (viele Ausrufezeichen und Emojis). Wer keinen Filter für makellose Handy-Uploads auf seinem Smartphone hat, ist rettungslos verloren. Liest du etwa noch Bücher und hast Zeit, im Wald spazieren zu gehen? Dann stimmt etwas nicht mit deinem Online-Leben. Was du brauchst, ist eine übersteigerte Selbstwahrnehmung in Kombination mit etwas Dreistigkeit – fertig ist das spektakuläre Profil und somit das perfekt retuschierte Glück, auf welches du dir täglich einen runterholen kannst.

Mein Online-Ich zum Beispiel hätte einen extrem spannenden Job als Conceptual Designer (wahlweise auch Performing Coach oder Brand Communications Manager – Hauptsache, kein Sau versteht, was ich von Beruf bin), dank dem ich regelmässig nach New York, London und Dubai reisen dürfte. First Class, versteht sich. Ist ja klar, weshalb… In New York oder London oder weissdergeierwo täte ich mich mit Leuten wie Lady Gaga, Roger Federer oder dem Dalai Lama zum Brainstorming samt Lunch treffen. Dadurch täten dann natürlich ganz viele innige Freundschaften entstehen und ich würde Postkarten von Bono und Einladungen zur Oscar-Party von Leo bekommen. Dabei wäre ich doch am liebsten ganz gemütlich und im Trainer zu Hause in meiner 450 m2 Stadtvilla, wo meine drei hübschen, gesunden, intelligenten Kinder auf mich warten und natürlich (m)ein braungebrannter Mann mit Waschbrettbauch, der mich regelmässig um den Verstand vögelt. Und weil mich das alles noch nicht zu 100% auslasten täte, würde ich nebenher noch einen Style-Blog betreiben und Vintage-Möbel restaurieren. Ich würde ständig lächeln, wäre Heidi-Klum-mässig gut drauf und natürlich gertenschlank, obwohl ich Pasta und Süssigkeiten in rauen Mengen futtere. Ja, so wäre ich, online…

In der Realität bin ich grad unheimlich müde und lustlos und ich hab drei Kilo zugenommen und meine Haare stehen vom Kopf wie Borsten und ich hab einen Pickel mitten auf der Nase und Augenringe bis zu den Knien. Aber das alles wollt ihr ja gar nicht wissen. Oder?

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Dieser Beitrag wurde am 1. April 2016 um 15:18 veröffentlicht. Er wurde unter Uncategorized abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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