Fresse halten

Morgens früh im Zug sitzt mit eine Puppe mit aufgeklebten Fingernägeln und angesetzten Haaren gegenüber und präsentiert mir und dem gesamten vollbesetzten Abteil ihren verbalen Durchfall. Sie ist müde, zu wenig Schlaf, weil gestern noch Germanys next Topmodel in der Glotze geguckt und hey die Laura, die ist ja voll nicht hübsch, die hat krass den fetten Arsch und so komische Augen, na jedenfalls heute dank Zigarette und Energydrink doch noch auf den Zug geschafft… Ich kann’s riechen. Und frage mich: Wer um Himmels Willen interessiert sich da am anderen Ende der Leitung um sieben Uhr morgens für diesen nicht enden wollenden seichten Sprach-Ausfluss?

Weil mich das tumbe Geplapper am Lesen hindert, beginne ich mir auszumalen, wie ich der minderbemittelten Ziege das Smartphone entreisse und so lange damit auf ihren dämlichen Schädel hau, bis sich das künstliche Blond der Haare mit rotem Blut färbt. Dann ramme ich ihr das Gerät mit rechts in den Rachen, während ich mit links das gepuderte Näschen in Richtung bescheidene Hirnmasse drücke. Die einkehrende Ruhe stelle ich mir himmlisch vor.

Später im Tram stört eine Rentnerin mit Rollator und zahlreichen Einkaufstüten meine Tagträume. Sie brüllt in ihr iPhone, dass die Waage beim letzten Mal schon wieder zwei Kilogramm mehr angezeigt habe, weshalb sie vom Spitex-Frölein angepfutteret worden sei, dabei esse sie doch nur Joghurt und Salat und nur ab und zu mal ein Bitzeli Schoggi. Wann haben eigentlich die Alten und Tauben angefangen mit der Telefoniererei im öffentlichen Raum? Überhaupt: Seit wann ist es vollkommen normal, dass man überall und jederzeit hemmungslos seinen sprachlichen Darminhalt in den Telefonhörer kötzelt?

Vermutlich bin ich überempfindlich, altmodisch, hinter dem Mond. Aber ich dachte immer, Telefonieren sei etwas Privates. Ich lernte als Kind, dass Telefonanrufe – ausser im Notfall – vor neun Uhr morgens und nach acht Uhr abends zu unterlassen sind. Und so halte ich es bis heute. Überdies telefoniere ich selbst im Zeitalter der ewigen Erreichbarkeit nicht inmitten von fremden Leuten. Weil ich niemanden belästigen will und weil ich nicht gerne beim Telefonieren belauscht werde. Denn quasi Naturgesetz: Es hört IMMER jemand mit, wenn ich im Bus meinen Liebsten am Hörer hab oder mit der Freundin über den Chef lästere.

All den daherredenden Leuten ist es aber komplett egal, dass sie Publikum haben – viel mehr noch; die Aufmerksamkeit fremder Menschen scheint sie aufzugeilen. Sie sabbeln und faseln, schwadronieren und quasseln, schwätzen und tratschen, obwohl es rein gar nichts zu sagen gibt. Fast schon muss ich den Leuten ein sprachliches Talent attestieren: Sie werden nicht müde, ihre endlosen Monologe in die Welt zu tragen und dies vor dem Hintergrund eines Lebens voller belangloser Tristesse. Stundenlange Text-Ergüsse über lauwarme Luft. Das kann nicht jeder!

Dennoch: Menschen, die nicht reden um des Redens willen, sind mir lieber. Wie schön, wenn jemand, der nichts zu sagen hat, schweigt! Drum bitte, ihr Telefon-Terroristen: HALTET DOCH EINFACH MAL DEN LATZ.

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Dieser Beitrag wurde am 6. Februar 2016 um 08:46 veröffentlicht. Er wurde unter Kopfkino abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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