Tage wie dieser

Es ist Montag. Mein Freitag. Nicht 100 Prozent zu arbeiten ist ein Luxus, den ich mir schon seit längerer Zeit gönne. So umgehe ich auch die obligatorische Sonntagsdepression. Montage beelenden mich nicht länger, denn ich schlafe aus. Allerdings bin ich in unserem Haus die einzige. Die Bauarbeiter, die zwei Stockwerke über meinem Bett eine Wohnung grundsanieren, beginnen die Woche pünktlich um sieben Uhr. Leise fluchend falte ich mir das Kissen um die Ohren. Nützt aber nix, da Vibrationen vorhanden. Also doch aufstehen. Ich stell mich unter die Dusche und erinnere mich leider zu spät an den seit Tagen an der Haustür befestigten Zettel, der daran erinnert, dass am Montag das Warmwasser wegen Bauarbeiten bis 16 Uhr abgestellt ist.
Schlotternd beschliesse ich, das längst fällige Reklamations-Mail an meine Versicherung zu schreiben. Mac meldet, dass er für diese Aufgabe erst ein paar Updates benötigt. Kein Problem, denke ich mir, klicke auf «Start» und verlasse das Büro, um in der Zwischenzeit den Briefkasten zu leeren. Ich finde einen Abholzettel von der Post. Mein Zalando-Paket ist da, ein Grund vor Glück zu schreien, wäre der Pöstler nicht exakt in den 30 Sekunden vorbeigekommen, in denen ich unter der Dusche stand, weshalb ich das Paket nun in der Filiale abholen muss, wo es aber erst ab Dienstagmorgen bereit liegt. Wegen der mit meiner Arbeitszeiten korrelierenden Öffnungszeiten unserer Provinz-Postfiliale kann ich meine Bestellung daher erst am Samstag abholen, und zwar exakt zwischen 7 Uhr früh und 11.30 Uhr. Das nenn ich dienstleistungsorientiert.
Zurück in der Wohnung verlangt mein Computer von mir weitere Bestätigungen, damit er mit seinem in geschätzten 24 Minuten beendeten Update fortfahren kann. Spontan kommt mir eine sinnvolle Möglichkeit des Zeittotschlagens in den Sinn: Staubsaugen. Unmotiviert verschiebt der Q 8.0 Turbopower die Krümel auf dem Parkett von A nach B. Beutel voll, auch das noch. Schwungvoll reisse ich den Sack aus dem Gerät und verteile damit diverse Haarklumpen und Flocken undefinierbaren Ursprungs im Wohnzimmer. Um die Schweinerei zu beseitigen, mache ich mich sofort in den Tiefen des Putzschrankes auf die Suche nach Staubsaugerbeutel-Ersatz. Beutel sind aus, Himmelarschundzwirn. Doch ich lasse mich nicht unterkriegen und entwickle sekundenschnell einen McGyver Masterplan: Ich hole den alten, bereits mit verschimmelten Essensresten verklebt Staubsaugerbeutel aus dem Müll und versuche mit einer Gabel, den Dreck der vergangenen Monate aus dem kleinen Loch zu friemeln, um damit Platz für neuen Dreck zu schaffen. Eine mässig erfolgreiche Aktion, die ich auf Grund aufsteigenden Brechreizes nach kurzer Zeit bleiben lasse. Das Update meines Computers braucht noch 6 Minuten.
Eine Zigarettenlänge, juble ich innerlich, und rauche, obwohl ich morgens nie rauche, eine Notfallzigi. Mit grausligem Atem setze ich mich im Anschluss an den Computer, der mich auffordert, ihn neu zu starten. Also gut, du Arsch, denke ich und bohre in der Nase, bis sich das Gerät wieder hochgefahren hat und mir mitteilt, dass seit 249 Tagen kein Backup gemacht wurde. Mir egal, ich will jetzt endlich das Scheissmail schreiben, in dem ich von meinem Versicherungsberater Geld für eine längst beendete Versicherungsleistung zurückfordere und zwar dalli. Dreimal lese ich das akribisch formulierte Mail durch, bevor ich es abschicke. Zwei Sekunden später kommt die Abwesenheitsnotiz. Mein Berater ist die kommenden drei Wochen im Urlaub.
Langsam aber sicher demotiviert mich mein freier Tag. Doch ich habe Notfall-Strategien: An schwierigen Tagen ist es zum Beispiel immer besonders wichtig, hübsch auszusehen. Daher lasse ich das Chaos in der Wohnung Chaos sein und widme mit meiner Frisur. Ich toupiere und spraye was das Zeug hält und sehe alsbald aus, als hätte ich eine Einladung für die Oper. Mit neuem Elan und viel Lippenstift mach ich mich auf den Weg zum Bahnhof, um mir ein gepflegtes Shopping in der Stadt zu gönnen – was freu ich mich! Als ich auf dem Perron stehe, sagt der Lautsprecher: Vorsicht, Zugdurchfahrt, Gleis drei. Und zehn Sekunden später: Vorsicht, Zugdurchfahrt, Gleis vier. So erlebe ich einen dieser vom Wahnsinn umzingelten Momente, in denen man bei 5 Grad Aussentemperatur plus Bise zwischen zwei in wenigen Metern an einem vorbeirasenden Zügen steht.
Adieu, Frisur. Wirre Strähnen kleben an roten Lippen. Stimmung: Frag nicht. Der Montag ist ein Arschloch, auch wenn er ein Freitag ist. Morgen frag ich den Chef, ob ich mein Pensum auf 100% erhöhen kann.

Bild: Leo Hermann / www.pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 17. Dezember 2015 um 08:44 veröffentlicht. Er wurde unter Uncategorized abgelegt und ist mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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