Bald alt

23 Uhr. Noch eine Stunde bis ich jahreszahlmässig eine Ziffer erreicht habe, die meines Erachtens meinen IQ nahezu übersteigt. Jedes Jahr wohnt dieser Stunde eine gewisse Magie inne. Es ist die Stunde der Wahrheit: Was habe ich in diesem Lebensjahr erreicht? Was aufgegeben oder verloren? Welche Menschen haben mich begleitet, welche – bedauerlicherweise oder auch nicht – nicht? Ist dies das Leben, das ich führen möchte, in allen Facetten?

Ich sitze da, alleine, mit einem Glas Wein und einer Zigarette (keine Kommentare diesbezüglich bitte – ich bin auch in hohem Alter der unbeschwerten Überzeugung, dass ich genau so gut mit der Raucherei aufhören wie beginnen kann) – und sinniere. Es ist viel passiert in diesem Jahr. Ehrlich gesagt mehr, als mir lieb ist. Ich bin kein Freund tiefschürfender Veränderungen. Ich mag das Beständige, Zuverlässige.

Und nun? Mein Auto ist verkauft, meine Wohnung gekündigt. Quasi: Die gesamte hart erarbeitete Autonomie am Arsch. Doch nein, ich wandere nicht aus nach Australien, mit 500 Euro und der vagen Idee einer Imbissbude im Gepäck. Ich werde nicht auf unbestimmte Zeit mit dem Segelboot die Weltmeere befahren. Es ist nur so: Ich erwerbe gerade Wohneigentum mit meinem Liebsten. Für mich fühlt sich das an wie alleine, orientierungslos und besoffen bei Sturm auf dem indischen Ozean im Boot zu sitzen und den Motor nicht anzukriegen.

Noch dreissig Minuten bis alt. Ich nehm noch einen Schluck. Zünde noch eine Zigarette an. Ich hätte mehr Mut haben müssen im vergangenen Jahr. Mehr Tatendrang hätte auch nicht geschadet. Und mehr sexuelle Initiative. Schwierig, das alles, vor allem nach einer Flasche Wein. Undurchsichtig, verworren. Was bedeutet Glück? Weshalb bin ich hier? Fragen, die ich um diese Uhrzeit in diesem Zustand auch nicht mehr seriös zu beantworten vermag. Nun gut.

Hier bin ich. Noch zwanzig Minuten bis alt. Wo ist mein Weinglas? Es geht mir gut. Es ist Sommer. Ich bade jeden Tag im Rhein. Ich kann mir Dinge leisten, die ich überhaupt gar nicht brauche. Ich werde in wenigen Wochen in eine grossartige Wohnung ziehen. Mit einem noch viel grossartigeren Menschen. Was dann passiert? Man wird sehn. Allzu dramatisch kann die Prognose nicht sein. Willkommen, Leben, ich nehm alles, was ich von dir kriegen kann!

Noch zehn Minuten bis alt. Ich versuche, mich zu entspannen. Meine mutmasslichen Ängste sind auf Luxus begründet. Ich bin ein Glücksmädchen. Etwas kompliziert mitunter und vergelstert, doch am Ende ist und war immer alles gut. Und bestenfalls wird es dies auch bleiben. Mitternacht. Happy Birthday, Rheinfroilein. Hicks.

Bild: M. Großmann  / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 22. Juli 2015 um 22:12 veröffentlicht. Er wurde unter Kopfkino abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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