Ich hab Blutdruck

Ich bin ein harmoniebedürftiges Geschöpf. Krankhaft, fast schon. Ich möchte, dass sich alle lieb haben. Immer. Sobald auch nur ansatzweise schlechte Stimmung aufkommt, bin ich diejenige, die vermittelt. Es ist doch so schön, wenn’s schön ist! Deswegen bin ich auch stets freundlich und zuvorkommend. Fremde Menschen können von mir alles haben. Kein Geld fürs Zugticket nach Mailand? Kein Problem, ich helfe. Zigi, Kaugummi, Lippenpomade, Tampon? Aber klar doch! Hauptsache, alle fühlen sich wohl und jeder mag mich. Ich bin eine Nette. Ich gehöre zu den Guten. Und jetzt das.
Da sitze ich nach der Arbeit im Bus zum Bahnhof und tagträume nichts ahnend aus dem Fenster, als es unverhofft neben mir zu reden beginnt und ich erkenne: Ich werde was gefragt. «Wie komme ich denn von hier nach Allschwil?», fragt mich eine deutsche Dame in einem Tonfall, als hätte ich gerade ihren Sohn ermordet. Ich antworte mit versöhnlichem Stimmchen und zur Vermeidung von sprachlichen Schwierigkeiten in meinem reinsten Hauchdeutsch: «Oh, das ist etwas kompliziert, weil Sie vom Bahnhof nicht direkt nach Allschwil gelangen…» Noch bevor ich erklären kann, dass man am Bahnhof am besten das Einer-Tram bis zum Brausebad nimmt und da auf den Sechser umsteigt, noch bevor ich ihr die Verbindungen aufzeichnen oder ihr anbieten kann, Sie noch ein Stück zu begleiten, keift mich die teutonische Schabracke mit bitterböse funkelnden Augen an: «Das ist ja mal wieder typisch arrogante Schweizerin! Nein, Sie brauchen mir gar keine Antwort zu geben, wenn Sie ja sowieso keine Ahnung haben, wie ich nach Allschwil komme, halten sie doch die Schnauze, was für eine verdammte Frechheit, dabei sind Sie ja auch keine zwanzig mehr und können sich so ein freches Maul wirklich nicht mehr erlauben, so etwas erlebt man ja auch nur hierzulande…».
Mein Blutdruck schnellt in die Höhe. Was kotzt sich diese impertinente Person da über mir aus? Hab ich sie in irgendeiner Art beleidigt? War ich etwa unfreundlich? Ruppig? Bösartig? Ich, das Friedenslamm in Person? Ich kriege kaum Luft, so schockiert und sprachlos bin ich ob dem hinterlistigen verbalen Angriff. Und gleichzeitig kommt eine Wut in mir hoch, die ich an mir so gar nicht kenne. Ich möchte dem Weibsbild ins Gesicht brüllen, dass ich nichts dafür kann, dass sie alt und hässlich ist. Dass – mal abgesehen von den Flüchtlingen aus den aktuellen Kriegsgebieten – wahrlich niemand in der Schweiz leben muss, der es hier so unsäglich fürchterlich findet und dass Deutschland 2015, auch wenn ihr, der verhärmten, armseligen Schnepfe, der zweite Weltkrieg noch in den Knochen steckt, nun wirklich nicht mehr zu den Kriegsgebieten zählt, so dass sie getrost wieder in ihre Heimat zurückkehren kann, wenn es ihr hier nicht passt, es würde ihr sicherlich kein Schweizer nachtrauern. Dass sie eine blöde, vertrocknete Schachtel ist, einsam und verbittert – kein Wunder, denn so eine möchte ja niemand im Bett haben – will ich ihr sagen, dass sie ihre Scheisslaune gefälligst nicht an mir auslassen soll und dass sich das Viadukt beim Bahnhof ganz prima für einen kleinen Selbstmord eigenen täte.
Mein Herz schlägt, als hätte ich gerade einen 400 Meter Hürdenlauf hingelegt und ich höre mich leise sagen: «Nun, wenn Sie auf meine Antwort keinen Wert legen, so fragen Sie am besten jemand anderen.» Das Frauenzimmer wird nicht müde, mich im vollbesetzten Bus auf derbste Art und Weise anzugeifern und ich muss in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob ich der Alten den Not-Hammer, der eigentlich zum Einschlagen der Busscheibe gedacht ist, über die Rübe ziehen soll, oder ob ich besser den Latz halte. Ich entscheide mich für letzteres, dem Frieden zuliebe. Mit hochrotem Kopf steige ich am Bahnhof aus und bis ich zu Hause bin, hat sich mein Blutdruck nicht erholt. Es braucht ganze zwei Bier, bis ich mich einigermassen beruhigt habe und selbst jetzt noch steigt mir die Röte ins Gesicht, wenn ich an die unsägliche Begegnung denke.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich aufhöre, es Hinz und Kunz Recht machen zu wollen. Eine Faust sagt manchmal eben doch mehr als tausend Worte.

Bild: http://www.BlickReflex.de  / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 29. Juni 2015 um 22:10 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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