Hauptsache Hipster

Ich bin fremdgegangen. Der Friseuse meines Vertrauens. Aus purem Leichtsinn und weil ich nicht länger auf einen Termin warten konnte. Die Neue war so ein trendiges, junges Ding mit ganz vielen Tattoos an merkwürdigen Stellen. Ich dachte mir, nun entspannst du dich mal, die schnippelt aus dir bestimmt die nächste Linda Evangelista raus. Das denke ich immer, dass Friseusen so was können. Gleichzeitig will ich nie mehr als ein paar Zentimeter Spitze schneiden. Gerade soviel eben, dass nachher keiner was von der Veränderung mitbekommt. Weil es ist doch so: Niemand möchte, dass man ihm den Friseurbesuch ansieht. Dass nachher aus purer Verlegenheit gemeine Dinge gesagt werden wie: «Sieht pfiffig aus» oder «mal was anderes…». Oder dass – was noch viel übler ist – das Gegenüber trotz offensichtlicher Typveränderung irritiert schweigt.
Haare sind eben eine heikle Sache. Bloss dessen sind sich die Künstlerinnen mit der Schere nicht immer bewusst. Bei meiner bis zum Hals tätowierten Hipster-Friseuse war es vermutlich ein akuter Anfall von Selbstverwirklichung, als sie mich heute von Schulterlang auf knapp unters Ohr beschnitt. Michelin Calmy-Rey Gedenkfrisur. Jedoch mit Locken. Sprich Heidi, deine Welt sind die Berge. Um den leidigen Frisur-Kommentaren zu entgehen, müsste ich mich die kommenden acht Monate zu Hause einsperren oder den ganzen Sommer über Mütze tragen.
Man könnte nun sagen: Selber Schuld. Wer fremd geht, muss eben mit den Konsequenzen leben. Richtig. Hab ich soweit begriffen. Nur bitte: Wenn du mich das nächste Mal auf der Strasse siehst und einen Kommentar zu meiner Frisur machen willst, dann lass es. Lächle und halt einfach die Fresse. Einzig die Friseuse meines Vertrauens hat das Recht, sich zu meiner verlorenen Haarpracht zu äussern. Schliesslich wurde sie von mir betrogen. Ein kapitaler Fehler. Ich bereue. Und ich werde es nie wieder tun. Schwöre.
Interessanterweise scheint meinem Liebsten die neue Frau an seiner Seite zu gefallen. Er erkannte mich sofort und er lächelte, als er mich auf den neuerdings rasierten Nacken küsste. Seine Worte: «Gut siehst du aus. So richtig frech.» Eine Träne der Verzweiflung kullerte über meine Wange.

Jörg Brinckheger  / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 30. Mai 2015 um 10:36 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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