Tat oder Wahrheit

Früher, als wir unsere schulfreien Mittwochnachmittage noch mit dem Spielen von Tat oder Wahrheit verbrachten, bevorzugte ich die Taten – so kam ich zu meinem ersten Zungenkuss. Ich war elf. Er hiess Remo und der Kuss war schrecklich, entschuldige Remo, aber das kannst du heute bestimmt viel besser. Und ich auch. Heute würde ich auch nicht mehr Tat wählen, sondern Wahrheit. Weil ich mich dafür nicht vom Stuhl bewegen muss. Doch wer will schon die ungeschminkte Wahrheit wissen? Die süssen Lügen schmecken ungemein mehr. Bloss; ich kann nicht lügen.
Schon als kleines Mädchen erklärte mir meine Mutter, in meinem Gesicht könne man lesen wie in einem Buch und sie würde mir alles ansehen, was in meinem Köpfchen drin abgeht. Ich glaubte ihr. Bis heute werde ich rot, wenn ich nicht ehrlich bin. Unangenehm, das. Wenn auch aus erzieherischer Sicht clever. Ich. Kann. Nicht. Lügen. Dennoch flunkert mein Umfeld mir natürlich dauernd und ungeniert ins Gesicht. Deshalb fordere ich mein Gegenüber hin und wieder gerne zu einer Runde Tat oder Wahrheit heraus:
Ich: Lass uns Tat oder Wahrheit spielen, bieeeetttteeee!
Er: Also gut. Tat oder Wahrheit?
Ich: Wahrheit. Brauchst nicht mehr fragen, hab grad keine Lust, dir eins zu blasen.
Er: Schade, aber nu denn: Mit wem würdest du gerne drei Monate auf einer Insel mit Kannibalen verbringen?
Ich: Mit einer Kalaschnikow. Tat oder Wahrheit?
Er: Wahrheit natürlich!
Ich: Hast du schon einmal in der Gruppe onaniert?
Er: Wie definiert sich Gruppe?
Ich: Na du und mindestens noch zwei?!
Er: Weiter! (Ich interveniere, werde aber übergangen): Welche Frage würdest du deinem Ex-Freund am Sterbebett stellen?
Ich: Willst du mich heiraten? Würdest du für mich das Rauchen aufgeben?
Er: Natürlich, meine Herzallerliebste. (Ich glaube, das war gelogen…) Was war das übelste Schimpfwort, das du je verwendet hast?
Ich: Futztubelarschgesichtwixersau. Riechst du manchmal an deinen alten Socken? Oder noch schlimmer: an meinen?
Er: Ähm…Tat!
Ich: Geschirrspüler-ausräumen-bitte-danke!!!
Da fällt mir ein: Solange die Taten stimmen, ist mir die Wahrheit eigentlich ziemlich Wurscht.

Bild: Bernd Kasper / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 17. April 2015 um 08:38 veröffentlicht. Er wurde unter Falten, Speck & graue Haare, Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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