Kebab schlägt Pisse

Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit erklärte meine Sitznachbarin im Bus ihrem Gspänli vis à vis die Funktion der Harnblase. Das wäre durchaus interessant gewesen, wenn ich mich auf die Details hätte konzentrieren können. Doch leider hatte meine Nachbarin einen äusserst dominanten Mundgeruch, der mich von ihren anatomischen Erläuterungen ablenkte. «Kebab mit alles und extra Sssswiebel, gestern Abend vor dem Zubettgehen», diagnostizierte ich und versuchte, durch den Mund zu atmen.
Immer wieder erlebe ich es, dass mir mein Umfeld aus allen möglichen Körperöffnungen entgegenmieft. Grauslig ist das, eine richtige Plage und überaus unangenehm. Aber noch unangenehmer fände ich es, meinen stinkenden Mitmenschen die Wahrheit vor den Kopf zu knallen. «Liebes Fräulein, könnten Sie bitte schweigen, damit Ihr Kebab-Atem nicht den ganzen Bus kontaminiert?» oder «Werter Herr, weniger Parfüm ist manchmal mehr…» oder «Eine Dusche am Morgen vertreibt alle Sorgen» – als höflicher Mensch ist so viel Ehrlichkeit für mich undenkbar. Lieber vergrabe ich den Kopf im Schal und denke an eine Blumenwiese im Frühling, um mich von der aufsteigenden Übelkeit abzulenken.
Kürzlich war ich mit meinem Liebsten zu einer Premiere eingeladen in einem kleinen Theater, das uns Glauben machte, die Theaterwelt hätte sich vor 50 Jahren aufgehört zu drehen. Da öffneten die Schauspieler imaginäre Türen, tranken aus leeren Teetassen und spuckten in akribischer Aussprache ihre auswendig gelernten Texte in den Zuschauerraum. Ebenso in die Jahre gekommen wie die Inszenierung waren die Gäste. Inmitten von Husten und Stöhnen, von Leiden und Gebrechen sassen wir also, mein Liebster und ich, und hofften inständig, dass niemand während der Vorstellung einen Herzinfarkt erleiden möge.
Und dann, gegen Ende des ersten Aktes, hing er plötzlich über meinem Kopf, dieser Mief aus Mottenkugeln, faulendem Zahnfleisch und eingetrockneter Pisse. Verkrampft bohrte ich meine Fingernägel in die Sitzlehne und versuchte, mich auf das Stück zu konzentrieren. Nach dem zweiten Akt war ich überzeugt, der Geruch des schleichenden Todes hätte von mir Besitz ergriffen und so blieb mir nur eins: Mundatmung bis zur Pause. Als im Saal endlich Licht wurde, reichte ein panischer Blick meinerseits und meinem Liebsten war klar: Den zweiten Teil des Stückes werden wir an der frischen Luft verbringen. Wir schnappten unsere Mäntel und weg waren wir.
Eins zu null für den unverdauten Kebab.

Bild: Thomas Christes / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 2. Februar 2015 um 11:27 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Kebab schlägt Pisse

  1. Wohl gesprochen. Und besonders allerleibst: Der spürbare Geruch des Bildes.

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