Zu viel Information

Ich bin krank. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein, weil man den ganzen Tag frierend, mit wackligen Beinen und erhöhtem Puls von Sofa zu Bett und von Teekocher zu Klo schlurft. Doch glücklicherweise hab ich kürzlich herausgefunden, wozu ein iPad gut ist: um Reportagen auf Youtube zu gucken. Seither trage ich das zuvor jahrelang unbenutzte Gerät unter dem Arm.
In der Badewanne staune ich über Männer, die im virtuellen Liebesrausch irgendwelchen Olgas und Svetlanas tausende von Euros überweisen für Visa und Flug von Russland nach Deutschland. Allein, die Olga kommt nie am Flughafen an und die Svetlana leider auch nicht. Später, während dem Aufsetzen eines Instant-Süppchens, rekapituliere ich die Geschichte um Josef Fritzl und bin mir nicht ganz sicher, ob mein Schüttelfrost von einem neuerlichen Fieberschub herrührt oder vielleicht doch von der beängstigenden Ignoranz und Grausamkeit, die Menschen an den Tag legen können.
Leider finde ich in der folgenden Google-Recherche nicht heraus, wie es der 24 Jahre lang im Keller festgehaltenen und tausende Male vergewaltigten Tochter heute geht. Und auch nicht, ob sich ihre im Verlies geborenen sechs Kinder über die frische Luft und das Sonnenlicht freuen. Überdies bin ich mir nicht sicher, ob Frau Fritzl, die all die Jahre über weder das Bedürfnis hatte, ihre vermisste Tochter zu suchen, noch im Keller nachzugucken, wer da so einen Lärm veranstaltet, heute für ihre Tochter und die Enkel Geburtstagskuchen backt. Solche mit Herzen und Kerzen drauf.
Ich liege schon im Bett, als ich mir noch eine Reportage über Tschernobyl reinziehe. An Schlaf ist alsbald nicht mehr zu denken und es drängt sich mir die Frage auf: Haben wir damals, im Sommer 1986, das Gemüse in unserem Garten eigentlich gegessen? «Joah, klar», murmelt meine Mutter verschlafen in den Telefonhörer und versteht nicht so ganz, was die Frage um diese Uhrzeit soll. Ob es mir nicht gut gehe, will sie wissen. Alles prima, versichere ich ihr und nötige sie, mir noch etwas mehr zu erzählen. Sie kann sich daran erinnern, dass die Kartoffeln, Rüben und Tomaten teilweise total lustige Formen hatten.
Ich beschliesse in dieser schlaflosen Nacht, so bald wie möglich gesund zu werden, wieder regelmässig joggen zu gehen und auf Pilze aus der Ukraine fortan zu verzichten.

Bild: Andrea Damm  / pixelio.de 

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Dieser Beitrag wurde am 19. Januar 2015 um 19:57 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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