Selig sind die geistig Armen

Vor vielen Jahren, da hatte ich einmal einen Chef, der war nur wenig älter als ich, doch im Gegensatz zu mir hatte er es bereits zu etwas gebracht. Er war Chef. Und als solcher gehörte er zum Kader des Unternehmens, das als Stiftung organisiert war. Wer Stiftungen kennt, der weiss, dass Spendengelder hier gerne mal für abstruse Löhne zweckentfremdet werden. So auch in dieser Stiftung, nur leider nicht zu Gunsten meines Kontos, denn ich war ja bloss Assi. Als solche war mir vor allem eines vergönnt: Ich durfte sämtliche Aufgaben übernehmen, die dem Chef zu mühsam waren. «Bitte erledigen, danke» stand jeweils in seinen weitergeleiteten Mails und als er einmal für mehrere Monate ausfiel (offenbar hatte der berufliche Stress in Kombination mit den unzähligen Rauchpausen seine jugendliche Herzmuskulatur angegriffen) und ich neben meinem eigenen plötzlich auch noch sein Job am Hals hatte, da realisierte ich, dass dieser erstaunlicherweise keinerlei Mehraufwand verursachte.
Doch das alles nur am Rande. Das eigentlich Interessante war meines Chefs Hang zur Selbstüberschätzung, die in seinem Wortschatz zur vollen Blüte gelangte. «Item», war das Wort, das er irgendwann begann, geflissentlich in seine Sätze einzubauen. Allein, er sagte nicht item, denn dieses Wort war ihm gänzlich unbekannt; er sagte dito. Anfänglich tat ich den sprachlichen Fehler als Versehen ab, doch dieses Versehen begann sich innerhalb kurzer Zeit zu mehren. Bald pflanzte er dito in einem Fort in seine Erzählungen ein und benutzte es mit solchem Stolz ob seines vermeintlichen Intellekts, dass ich ihm die neu gewonnene Freude an der lateinischen Sprache nicht vermiesen wollte. Irgendwann würde ihn wohl jemand auf die feine Sprachnuance aufmerksam machen, dachte ich, oder er würde das Dito von ganz alleine wieder verlieren – tat er aber nicht, im Gegenteil. Bald sagte er nicht mehr nur dito, wenn er item meinte, sondern auch, wenn ein ergo angepasst gewesen wäre, eine riesige Verwirrung und dito, ähm, ergo machte er sich in diversen Gesprächsrunden wiederholt zum kompletten Affen.
Lustigerweise hatte niemand Interesse daran, die Bildungslücke des Chefs zu schliessen. Vielleicht, weil allen bewusst war, dass die Beseitigung dieser Lücke nur ein Tropfen auf den heissen Stein gewesen wäre. Vielleicht amüsierte man sich aber auch einfach zu sehr über die wirren Sätze, die da in einem Fort aus dem selbstgefälligen Mann herauspurzelten. Ich meinerseits konnte es irgendwann nicht mehr mit meiner Arbeitsmoral vereinbaren, seine ganze Arbeit aber nur einen Bruchteil seines Lohnes zu bekommen. Ich kündigte. Fast hätte ich ihm zum Abschied noch ein Asterix-Heft geschenkt, zum Wohle seiner Bildung. Fand ich dann aber übertrieben. Stattdessen schüttelte ich ihm lächelnd die Hand und sagte: Beati pauperes spiritu. Er hat’s ja eh nicht verstanden.
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Dieser Beitrag wurde am 22. November 2014 um 11:30 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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