Flaschengeist

Heute Morgen war ich um halb vier Uhr wach. Nicht freiwillig, wahrlich nicht. Eine Reportage katapultierte mich ins Nachtleben von Basel, ich sollte über das Erwachen einer Einkaufsfiliale berichten. Nachdem ich die halbe Nacht davon geträumt hatte zu verschlafen, war ich dann viel zu früh unterwegs. Um halb fünf schlenderte ich vom Parkhaus zum Claraplatz – an ein Reisen mit öffentlichem Verkehrsmittel ist in dieser Stadt um diese Zeit leider nicht zu denken. Die Nacht war sommerlich mild und ich war gar nicht so furchtbar müde, wie ich erwartet hatte.
«Herrlich, so eine Stadt mitten in der Nacht!», dachte ich mir. So ruhig und menschenleer, ein wenig als stünde ein Weltkrieg kurz bevor. Kurz nach dem Messegelände prügelten sich ein paar Jungs um ein Mädchen, das schrie wie wild. Ich wechselte die Strassenseite und genoss den einsamen Spaziergang. Einige Taxifahrer fuhren betont langsam an mir vorbei, so als wären sie jederzeit bereit, mich in der Not einzufangen. Aber ich liess mich nicht fangen, da war keinerlei Not. Am mit dem Fotografen vereinbarten Treffpunkt stand ich dann so da und tippte aus Verlegenheit einige Dinge in mein Smartphone (was hätte ich früher ohne Smartphone bloss getan???), während die Strassenreinigung die Spuren der Nacht beseitigte. Laut, unangenehm laut.
Fast noch lauter waren jedoch die Besoffenen, die bewaffnet mit Bier und Aggression an mir vorbeischwankten, auf dem Weg nach Hause oder zum Frühschoppen, das weiss man ja nie so genau. Wäre ich die bezaubernde Jeannie gewesen, ich hätte mich ohne zu zögern zurück in die Flasche gewünscht. Doch plötzlich: Verstärkung an der Frauenfront: Eine Dame in kurzem Rock stakste an mir vorbei. Sie sah asiatisch aus. Warme Nacht, dachte ich mir und träumte weiter vor mich hin, bis eine weitere asiatisch aussehende Dame in kurzem Rock des Weges kam. Das kam mir dann doch etwas seltsam vor und ich blickte zum ersten Mal nach links und nach rechts. Und was ich sah, war durchaus sehr interessant: Ich stand in der Reihe mit zahlreichen Prostituierten.
Meine Hilflosigkeit in dieser Situation war grenzenlos. Einmal mehr war mir bewusst, weshalb ich niemals nie morgens um halb vier bereits aufstehe.
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Dieser Beitrag wurde am 9. Oktober 2014 um 18:41 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Flaschengeist

  1. Früher, ohne Smartphone, haben wir eine Zigi geraucht!

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