Port de Bras statt Cordon Bleu

Gestern war ich im Ballett. Klubschule Basel. Das kostete Überwindung. Zum einen, weil es Spannenderes gibt, als sich selber eine Stunde lang im Spiegel zu betrachten. Zum anderen weil ich im Tütü echt scheisse aussehe. Aber es war ein Anfängerkurs für Erwachsene und daher hoffte ich, die anwesenden Frauen – Männer würden einen solchen Kurs ja wohl niemals nie besuchen – wären tatsächlich erwachsen und normal gebaut, so wie ich. Und gottlob, sie waren es.
Mit sechs Frauen, an deren Körpern die Zeit ihre Spuren hinterlassen hatte wie an meinem auch, stand ich also an der Stange und versuchte mich in Plié, Port de Bras und Relevé. Rundherum gab es Spiegel, so dass ich meinen versteiften Oberkörper, die wabbeligen Arme, die krummen Beinchen und den Speckring, den ich mir mit manch feinem Cordon Bleu samt schwerem Rotwein hart antrainiert hatte, in unendlicher Spiegelung von hinten und von vorne sah. Aber ich kam nicht dazu, schockiert zu sein.
«Bauch rein! Pobacken zusammen! Rücken gerade! Kopf hoch!» Bereits die ersten Befehle der polnischen Lehrerin, die eine echte Ballerina war – zierlich und unfassbar muskulös – brachten mich ins Schwitzen. Ich hatte noch keinen Schritt getanzt, da bereute ich bereits die vergangenen Jahre, die ich überwiegend vor dem Computer verbracht hatte. Was auch immer die Primaballerina uns zeigte, sah einfach und geschmeidig aus. Meine Umsetzung bewies dann jedoch: Es ist quasi unmöglich, die Schultern nicht hochzuziehen, wenn man gleichzeitig bei geradem Rücken und ausgedrehten Füsschen ein Développé machen soll. Vor allem, wenn man keine Ahnung hat, was ein Développé eigentlich ist.
Jedenfalls: Ich gab mir Mühe. Die polnische Tänzerin lobte mich denn auch überschwänglich für mein Relevé in dritter Position. Vollkommen übertrieben. Ich sah aus wie ein Sumoringer auf Koks, hab ja Augen im Kopf. Mit meiner Volleyballer-Figur werde ich niemals eine grazile Ballerina abgeben. Aber das ist vollkommen egal. Denn ich war eine Stunde lang in einer komplett anderen Welt und liess mich von der Klaviermusik und meinen brennenden Beinen leiten. Es war meditativ. Es war stressfrei. Und auf dem Heimweg war ich komplett im Reinen mit mir und der Welt. Die Pobacken hatte ich angespannt, den Rücken gerade und die Füsschen zeigen ein ganz klein wenig mehr nach aussen als sonst.

Harry Hautumm  / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 2. Oktober 2014 um 18:09 veröffentlicht. Er wurde unter Falten, Speck & graue Haare abgelegt und ist mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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