In memoriam Spathiphyllum wallisii

Bereits vor Jahren habe ich beschlossen, mir von Ficus, Palmen und Konsorten keinen Tag länger mein Feng Shui zerstören zu lassen. Topfpflanzen kommen mir nicht mehr über die Türschwelle. Die labilen Dinger lassen ja doch nur beim kleinsten Luftzug die Blätter fallen und bei der geringfügigsten Trockenperiode stehen sie blass in der Ecke. Ohne mich.
Und nun folgendes: Jeden Tag fahre ich auf dem Arbeitsweg mit dem Bus durch einen klitzekleinen Tunnel, an dem bereits seit knapp zwei Jahren gebaut wird – ein findiger Journalist hat mal ausgerechnet, dass der neue Gotthard-Basistunnel, würde er im selben Tempo gebaut, erst in 420 Jahren fertig wäre. Weil nun aber seit so langer Zeit an dem Tunnel rumgebastelt wird, gibt es rundherum natürlich vermehrt Staugefahr und wo Staugefahr, da Lebensgefahr. Tatsächlich hat diese unsägliche Baustelle vor einiger Zeit jemanden das Leben gekostet (und es war kein Bauarbeiter, der mit der Zigi in der Hand einen plötzlichen Herztod erlitt).
An der Todes-Stelle stehen seit längerem Kerzen und eine Topfpflanze. Nicht irgendeine Topfpflanze, sondern eine Spathiphyllum wallisii, auch genannt Einblatt oder Blattfahne – das hab ich gegoogelt, denn dieses Pflanzengestrüpp geht mir von allen Pflanzendingern am allermeisten auf den Sack. Das ist nämlich eine ganz unsägliche Arschloch-Pflanze das, weil sie jede zweite Wohnung mit ihrem schlechten Karma versaut. Nun frag ich mich natürlich jeden Tag, was es wohl mit diesem saublöden Einblatt an der Trauerstätte neben dem Tunneleingang auf sich hat.
Es ist ja nicht so, dass einem, wenn jemand stirbt, automatisch in den Sinn kommt: Spathiphyllum wallisii, ruhe in Frieden. Also frag ich mich: Hat der Mitbewohner des Todesopfers vielleicht eine ebensolche Aversion gegen das Gepflänze wie ich? Hat er nach dem Ableben seines WG-Kumpels gedacht: hier, Genosse, dieses Ding kannst du gleich mit ins Jenseits nehmen? Denn exakt genau so sieht das Einblatt heute aus: Wie eine Pflanzen-Leiche. Die von Abgasen überzogen dürren Blätter hängen als sterbliche Überreste vor dem Tunneleingang. Hässlich. Erbärmlich. Und wirklich traurig.
Sollte mich je ein Autofahrer über den Haufen fahren: Erspart mir bitte eine Topfpflanze, sonst komm ich zurück und hau sie euch über den Schädel. Guten Rotwein dürft ihr aber jederzeit an der Unfallstelle deponieren. Und am besten auch gleich mit allfälligen anderen Trauergästen kredenzen. In memoriam.

Bild: Aminata  / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 25. September 2014 um 18:38 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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