Grüezi wohl Frau Stirnimaa

Vor zwei Tagen hab ich mir zu Ehren meines Geburtstages am Feierabend einen Drink und ein paar Geburtstagsgedanken gegönnt. Me, myself, I und einer dieser hippen Sommergetränke namens Hugo oder Emil oder Klaus. Nebenan sassen vier Senioren an einem Tisch und genehmigten sich ein Bierchen. Alles friedlich. Alles schön. Bis es vom Nachbartisch aus einem Telefonlautsprecher zu scheppern begann. Ich traute meinen Ohren nicht. «Grüezi wohl Frau Stirnimaa» erklang da und kurz darauf «Dr Schacher Seppli». Die Rentner kicherten wie Teenager und wischten aufgeregt auf ihrem iPhone herum, um sich gegenseitig ihre gespeicherten Melodien zu präsentieren. Der Qualität der Lautsprecher nach zu urteilen, waren die Geräte schon etwas in die Jahre gekommen – vermutlich waren die Dinger Erbstücke von Enkeln oder Urenkeln.
Verfolgt vom Zahn der Zeit flüchtete ich nach Hause. Dort erwartete mich eine Geburtstagsüberraschung, die mit den Atem raubte. In meinem Wohnzimmer fand ich, in eine grosse rote Schleife verpackt, meines Vaters Schallplattenspieler von Bang & Olufsen. Seit frühester Kindheit hatte ich es auf dieses exklusive Gerät aus den siebziger Jahren abgesehen, doch bislang waren alle meine Versuche, ihm das Teil abzuluchsen, erfolglos geblieben. Und nun stand es da in meiner Wohnung, wunderschön, voluminös und saumässig schwer und wartete darauf, meine Schallplatten von Liza Minelli, Shirley Bassey und Co. in brillanter Qualität wiederzugeben. Ein Tränchen der Rührung kullerte über meine Wange. Gleichzeitig war ich aufgewühlt, denn mir wurde bewusst: Während sich die Rentner von heute in technische Hipster verwandeln, hangle ich mich, panisch gegenüber der digitalen Verwahrlosung, immer weiter auf der Zeitachse zurück.
Dass dies ein sinnloses Unterfangen ist, wird mir je länger je klarer. Mein wunderschönes Bakelit-Telefon zum Beispiel, funktioniert mit den hochmodernen Telefonanschlüssen meiner Wohnung nicht. Es hängt zwar immer noch an der Wand, ist aber reine Deko. Ich telefoniere mit dem iPhone. Meine siebzigjährige Mutter übrigens auch. Gut möglich, dass sie in Kürze mit dem Bloggen beginnt. Ich werden dann ein Tagebuch mit einem billigen Vorhängeschlösschen kaufen. Wenn sowas überhaupt noch irgendwo zu finden ist.

Bild: Andre Knoop / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 25. Juli 2014 um 08:43 veröffentlicht. Er wurde unter Falten, Speck & graue Haare abgelegt und ist mit , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Ein Gedanke zu „Grüezi wohl Frau Stirnimaa

  1. Huch! Sowas hören die Rentner heutzutage 😉 ?????

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