Journalisten und Kunst

«Grau mochte ich immer schon», so die schlichte Antwort Gerhard Richters auf die Frage, weshalb er momentan vermehrt mit dieser Farbe experimentiere. Journalisten können aber auch bescheuerte Fragen stellen! An der Pressekonferenz anlässlich der aktuellen Ausstellung von Gerhard Richter in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel ist der grosse Meister persönlich anwesend. Er, der als vielseitigster, bekanntester Maler der Welt gilt, quasi der Leonardo da Vinci der Neuzeit, beehrt das Museum höchstpersönlich – das zieht natürlich Medienleute aus ganz Europa an wie ein Scheisshaufen die Fliegen.
Und es ist tatsächlich faszinierend: Da sitzt dieser bescheiden wirkende, 82 Jahre alte – und notabene steinreiche – Mann, lächelt verschmitzt in die informationsgeile Meute und wartet auf die nächste abstruse Journalistenfrage. «Das verstehe ich jetzt nicht», konstatiert er leicht verwirrt, als ein besonders findiger Kollege aus Hamburg ihm eine Frage mit 27 Nebensätzen, Bezug nehmend auf den 100sten Geburtstag seines ehemaligen Lehrers an der Düsseldorfer Akademie in Kontext zu seinen kreativen Impulsen stellt. Ich verstehe die Frage auch nicht, aber sie beweist, dass sich der Mann vorbildlich vorbereitet hat. Immerhin konnte er die Frage ohne zu stottern formulieren.
Sie versuchen es auf alle möglichen Arten, die Journis. Aber der Herr Richter mag nicht wirklich viel Preis geben. Verständlich, 90 Prozent der Fragen sind entweder todlangweilig oder komplett irrelevant – auch wenn sie wahnsinnig gebildet klingen. Und manche sind ihm auch zu persönlich. «Darüber mag ich hier nicht sprechen», gibt er immer wieder offen zu. Vermutlich findet auch er die Fragerei doof und mag seine Zeit nicht mit solchem Zeug verschwenden. Ich verstehe ihn. Der Mann ist mir so sympathisch, dass ich auf der Stelle mit ihm ein Glas Wein trinken und ihn ein wenig in trauter Einheit lächelnd anschweigen möchte.
Doch nicht nur Gerhard Richter ist mir sympathisch. Seine Kunst ist es auch. Wenn nicht so viele pseudo-intellektuelle Medienheinis mit ihren Kameras in der Ausstellung herumpilgern würden, ich täte mich in den Räumen, umgeben von Gerhard Richters Werk, fühlen wie zu Hause. Seine Gemälde sind allesamt unvorstellbar ästhetisch und schön. Zudem strahlen sie eine Harmonie und Ruhe aus, wie ich sie selten beim Betrachten eines Bildes erlebt habe. Diese Ausstellung ist Wellness für die Seele. Ich werde sie mir ganz sicher noch einmal in Ruhe anschauen.
Die Ausstellung «Gerhard Richter» ist noch bis am 7. September in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel zu sehen. www.fondationbeyeler.ch

 

Bild: Ella, 2007, © 2014 Gerhard Richter

Advertisements
Dieser Beitrag wurde am 16. Mai 2014 um 13:36 veröffentlicht. Er wurde unter Aufgefallen abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

Dein Kommentar freut mich, sweetheart!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: