041999

Kürzlich lag eine Packung  Lachs-Teigwaren in meinem Briefkasten. «Für dich, wir mögen keinen Lachs, liebe Grüsse, Mami», stand auf dem an der Verpackung klebenden Post-it. Auch gut, dachte ich und warf die etwas zerknautschte Pasta in meine Food-Schublade zu den Pelati, den Gummibärchen, der Polenta und dem Tee.
Ein paar Tage später schwirrte im Wohnzimmer eine Motte an mir vorbei. Leicht panisch jagte ich dem Tierchen hinterher und zerklatschte es zu Staub – ich hasse Motten, weil sie meine sündhaft teuren Kaschmirpullover auffressen, die Saukeiben. Allein, wo eine Motte ist, sind meist noch ein paar weitere. So erinnerte ich mich zahlreiche Tötungsdelikte später verschwommen an die Lachs-Teigwaren in meiner Küche. Auf deren Verpackung fand ich schliesslich einen Hinweis auf das Verfallsdatum. 041999 stand da. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand. 04. 1999! Ich hielt tatsächlich Teigwaren in der Hand, die 15 Jahren alt waren, Raritäten, sozusagen. Kein Wunder, hatten die Motten sich der Lachs-Pasta angenommen, wenn es sonst schon keiner getan hatte.
Nun, ich bin ja nicht heikel. Ich esse auch mal abgelaufenes Zeug und kotze es wieder aus, wenn’s mir nicht bekommt. Aber 15 Jahre? Bei aller Liebe zu meinen Eltern, die Pasta landete im Müll. Dabei weiss ich natürlich genau, weshalb ich antike Lebensmittel geschenkt bekomme. Wegen dem Zweiten Weltkrieg. Meine Eltern wurden damals geboren, und bekamen damit die Angst vor dem Elend in die Wiege gelegt. Darum wird bis heute gespart und wiederverwertet und umfunktioniert für schlechte Zeiten. Da kann es schon mal vorkommen, dass mir mein Vater ein Schaumbad aus den frühen 80er Jahren in die Hand drückt mit den gut gemeinten Worten: «Wir brauchen das nicht mehr und du badest doch so gerne.»
Ja, ich bade gerne. Aber nicht im selben Schaumbad, in dem ich als Vierjährige bereits mit meiner Schwester plantschte. So wie ich auch nicht die Teigwaren essen möchte, die schon im Keller lagen, als die Backstreet Boys noch die Hitparade anführten. Trotzdem, wenn ich irgendwann alle Motten aus meinem Haushalt entfernt habe, freue ich mich über weitere Raritäten, von denen sich meine Eltern nach reiflicher Überlegung nun doch trennen wollen. Und am meisten freuen würde ich mich über die Westerngitarre aus den 50er Jahren, die mein Vater an Weihnachten 1986 zuletzt in der Hand hielt. Aber bis ich die bekomme, ist mein eigenes Verfallsdatum vermutlich auch um 15 Jahre überschritten.

Bild: alf loidl  / pixelio.de

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Dieser Beitrag wurde am 20. März 2014 um 14:42 veröffentlicht. Er wurde unter Menschenskind abgelegt und ist mit , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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