Die Sache mit dem Wellness

Wellness, darunter verstehe ich Entspannung von Körper und Geist. Ich tue mir damit Gutes, werde gebadet, geölt, gelobt und gestreichelt und fühle mich im Anschluss wie der zartporigste, geschmeidigste  und wunderschönste Mensch auf Erden. Leider deckt sich meine Idee von Wellness nur selten mit derjenigen der Wellness-Anbieter. Ich lag schon glückselig in einer herrlich angenehmen Gesichtsbehandlung, als mich das porzellanhäutige Kosmetik-Püppchen mit flötendem Stimmchen fragte: «Möchten Sie, dass ich Ihren Schnauz entferne?». Eine andere  Schönheits-Prinzessin wollte mir nach der Behandlung eine Kosmetik-Linie für die sehr reife Haut ans Herz legen – ich war damals 28 Jahre alt.
Kürzlich habe ich an einem freien Nachmittag eine Wellness-Massage gebucht. Der hübsche, junge Masseur streichelte mir drei Mal kurz über den Rücken und liess dann seinen Aggressionen freien Lauf. Seither weiss ich, dass Massageliegen auch deswegen ein Loch für das Gesicht haben, damit man nicht im eigenen Tränen-Rotz-See ersäuft. Als ich die zwanzigminütige Tortur überstanden hatte, erklärte mir der brutale Mensch, er wäre etwas tiefer gegangen, weil meine Muskulatur so extrem verspannt sei. Er hätte es sogar knacksen hören. Ja, ich habe es auch knacksen hören. Kein Wunder, denn wäre er noch ein ganz klein wenig tiefer gegangen, wäre er vorne wieder raus gekommen.
Ganz ehrlich, liebe Wellness-Engel und Beauty-Katzen, so geht es natürlich nicht. Als Kundin will ich gefälligst behandelt werden wir eine Prinzessin. Frustriert, alt und hässlich fühle ich mich im Alltag oft genug. Euch bezahle ich dafür, dass ihr mir Wohlbefinden bereitet, mir Komplimente macht – ihr dürft gerne auch lügen – Hauptsache, ich entspanne mich, fühle mich schön und rundum wohl. Ich scheisse auf euren Ehrgeiz, den meine Nackenverspannungen, meine Krähenfüsse oder meine picklige Nase wecken und lege mich fortan wieder zuhause bei Kerzenschein in die Badewanne und höre mir den Youtube-Mix «3 Hours of Relaxing Music» an. Ist wie drei Stunden Wellness. Nur viel günstiger, weniger demütigend und darum viel, viel entspannender.
 Bild: Petra Bork  / pixelio.de
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Dieser Beitrag wurde am 10. Februar 2014 um 16:08 veröffentlicht. Er wurde unter Falten, Speck & graue Haare abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Die Sache mit dem Wellness

  1. Hahaha, schön geschrieben. Herrlich ehrlich. Es gibt gute Angebote, keine Frage. Aber vieles, was sich Wellness nennt, hat nichts mit meinem Wohlfühlzustand zu tun. Echt gut getroffen – und ich hab noch hinzuzufügen: mich macht das Wellness-Gedudel aggressiv. Frage häufig, ob man die Musik bitte ausmachen kann – ab da sind die Damen und Herren meist irritiert. Anstatt nachzufragen bekomme ich dann auch etwas lieblose Anwendungen. Und verspanne mich dabei total 😉 Zum Glück gibts Ausnahmen von der Regel! Liebe Grüße von Doris

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  2. Danke, Doris! Und ja, hast Recht: Das Wellness-Panflöten-Gedudel kann einen schon an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen. Ich steh mehr so auf Wellenrauschen und Vogelgezwitscher…;-)

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