Autoautoauto

Früher war ich der festen Überzeugung, dass jedes Baby als leeres Buch zur Welt kommt, welches vom Leben beschrieben wird. Ich dachte, dass Kinder grundsätzlich an der Welt interessiert sind und geschlechterspezifische Merkmale im Grunde eine Erziehungsfrage sind. Mädchen im rosaroten Einhorn-Wahn und Jungs im Feuerwehr-Flash lösten bei mir abgeklärtes Kopfschütteln aus. Gebt diesen Kindern andere Inputs und schon werden sie liebend gern mit Holzkühen, Kasperli-Figuren und Knete spielen. Dachte ich.
Ich doofe Nuss. Mein zweijähriger Sohn war als Baby umgeben von fair produzierten Kuscheltierchen, ökologischem Holzspielzeug in Regenbogenfarben, von selbst gebastelten Sternchen und Mobiles mit lustig quietschenden Vögelchen. Heute interessiert er sich für exakt eine wesentliche Sache: Autos. Seine erste Tat am Morgen ist es, sich einige Spielzeugkarossen auszusuchen, um sie dann den restlichen Tag mit sich rumzuschleppen. Die Fahrzeuge werden unter gar keinen Umständen aus der Hand gegeben. Beim Anziehen genau so wenig wie beim Essen, Windeln wechseln oder Zähne putzen. Haben die zwei kleinen Hände ihre Kapazitätsgrenze erreicht – was je nach Grösse der Auteli bei fünf bis sechs der Fall ist – gibt’s Gebrüll.
Eine besonders beliebte Beschäftigung des Kindes ist das Parkieren. Bei uns stehen Autos auf der Klobrille, im Kühlschrank, im Bett. Sie verstecken sich in Schuhen, im Geschirrspüler oder zieren dekorativ das Gesicht des schlafenden Bruders. Kürzlich wurde sogar unser alter VHS-Rekorder zur Tiefgarage umfunktioniert. Die kleinen Matchbox-Autos passen ganz ausgezeichnet in den Kassettenschlitz. Unser Zuhause ist eine einzige Rennstrecke. Hier rasen BMWs über Gitarrensaiten, Maseratis über die Spaghetti und Skodas über Muttis stillende Brüste. Hier fliegen Autos durch die Luft und knallen von morgens früh bis abends spät zu Boden.
Meine Nerven sind überdehnt, ich bin vom Wahnsinn umzingelt. Das alles hab ich mir komplett anders vorgestellt, früher. Als ich noch dachte, man könne mit einem Baby zu Hause entspannt Homeoffice machen. Und den Begriff «Müdigkeit» noch nicht ansatzweise in seinem vollen Ausmass kannte. Damals, als ich noch dieses verklärte Bild von Mutter und Kind in mir hatte; in stiller Eintracht lagen die beiden im Park unter einem Baum, eng aneinander gekuschelt. Voll härzig! Die Realität ist: Mein Sohn hat keine Lust zum Kuscheln. Auch für Waldspaziergänge, fürs Fahrradfahren oder Zeichnen kann er sich nur mässig begeistern. Bedingungsloses Glück erfährt er in der Ikea-Tiefgarage. Da ruft er bei jedem Fahrzeug freudestrahlend «Autoooo!». Gerne auch in Endlosschleife: «Autoautoautoooo!!!».
Würde ich mich nicht so ausgesprochen lebhaft an die Geburt dieses Kindes erinnern – ich würde behaupten, ich sei nicht die leibliche Mutter. Aber ich bin es und die Liebe zu dem Buben ist bedingungslos. Vielleicht ertappe ich mich deshalb hin und wieder dabei, wie ich im Kaufhaus in der Spielzeugabteilung stehe und nach einem Fahrzeug Ausschau halte, das in unserer umfassenden Sammlung noch fehlt. Im Wissen darum, dass ich meinen Kauf wenige Stunden später zutiefst bereuen werde. Spätestens dann, wenn sich das Fahrzeug in ein Wurfgeschoss verwandelt und mich hart am Hinterkopf trifft.
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Dieser Beitrag wurde am 12. Oktober 2018 um 12:07 veröffentlicht. Er wurde unter Babykram abgelegt und ist mit , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

4 Gedanken zu „Autoautoauto

  1. Ich empfehle einen Besuch in Stuttgart… Merceded-Museum, Porsche-Museum. Dort sind die Autos in Origianlgrösse zu sehen und passen deshalb weniger an den Hinterkopf😁

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  2. Anonymous sagte am :

    Einfach köstlich, Janine! Muss ich Mitleid haben? Nee, nicht wirklich, gelt ?!
    Lg, Monika

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