Tage des Zorns

Ich kenne sie ansatzweise von früher, diese Tage. Ganz selten kam es vor, dass ich bereits mit einer diffusen Wut im Bauch erwachte, beim Zähneputzen schon jemanden erschlagen wollte und spätestens auf dem Weg zur Arbeit klar war, dass die Menschheit nur deshalb erschaffen worden war, um mir auf den Sack zu gehen. Heute habe ich solche Tage, weil mein zweieinhalbjähriger Sohn seine Tage hat. Seit rund zwei Wochen. Es beginnt am Morgen beim Aufstehen, wenn sein Feuerwehr-Pulli zwecks Reinigung nicht verfügbar ist. Tobsuchtsanfall zum ersten. Ich kann dann versuchen, ihm das coole Streifenshirt schmackhaft zu machen oder das mit den Sternchen – keine Chance.
Ob ich ihm schliesslich mit roher Gewalt einen von mir gewählten Pulli überziehe oder sein stinkendes, dreckiges Lieblingsteil aus dem Wäschekorb hole, tut für den Verlauf des Tages nichts zur Sache. Denn gleich beim Frühstück geht es weiter: Ich bestreiche das Brot falsch. Ich giesse zu wenig/zu viel Orangensaft ins Glas oder fälschlicherweise in einen Becher, der im schlimmsten Falle sogar noch die falsche Farbe hat. Oder – und das ist wirklich die Höhe – ich stelle das Getränk an die komplett verkehrte Stelle. Es läuft gerade verflixt viel schief im Leben meines Zweijährigen. Spätestens um neun Uhr in der früh mache ich mir jeweils Gedanken über den ersten Gin Tonic.
Später, wenn wir an die frische Luft gehen, folgt in der Regel die nächste Attacke – sofern ich beim Zähneputzen alles richtig mache, ihn die Tube alleine öffnen lasse und die Zahnpastawurst auf dem Boden ignoriere. Niemals nicht, hähä. Nun will er also das Polizeiauto mitnehmen und den Lightning McQueen. Aber auch den Traktor und das Trottinett. Etwas viel für zwei kleine Kinderhände, meine ich, aber jänu. Bereits im Treppenhaus wirft er die Autos und den Traktor mit dem Blick von American Psycho auf den Boden. Er möchte jetzt getragen werden. Geht aber nicht – da sind ja noch das Baby und das Trotti. Mein Rücken findet’s auch nicht mehr so läss.
Das Theater zieht sich durch, wobei der Höhepunkt mit der Pijamawahl am Abend noch bevorsteht. Zwischen vier Möglichkeiten will er sich nicht entscheiden, weil alle Schlafanzüge nicht ganz seinem Gusto entsprechen. Gebrüll. Terror. Wahnsinn. Ich verlasse die Szene, um mir nun doch endlich einen Gin Tonic einzuschenken. Einen starken. Danach: Büchlein gucken. Nach siebenundzwanzig Geschichten über Maulwürfe, Häschen, Polizeiautos und Bauernhöfe kann der Bub dann leider, leider doch nicht ins Bett gehen, weil da ein Löwe ist. Er hat Angst und muss weinen. Sehr laut. Auf dem Weg in mein Bett veranstaltet er mit der Sirene seines Polizeiautos einen solchen Krach, dass das Baby aufwacht und denkt: «hey, da ist was los, da bin ich dabei!».
Es ist halb neun Uhr Abends. Keines der Kinder schläft. Der Mann ist noch auf Arbeit. Vor mir liegt eine weitere Nacht, in der ich in Etappen schlafen werde, weil dazwischen ein Nuggi, ein Schoppen, eine Streicheleinheit verlangt werden oder ich mit einem Fuss im Gesicht aufwache. Spätestens um 6.15 Uhr wird das Baby fröhlich zu brabbeln beginnen und wenig später wird der Grosse seine Augen öffnen und den neuen Tag mit neuem Zorn begrüssen.
Ob ich müde bin? Fuck you, you fucking fuck. Müde ist kein Ausdruck. Ich bin ein Zombie. Mutter sein ist der gnadenloseste Job, den ich jemals hatte.
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Dieser Beitrag wurde am 14. April 2019 um 07:24 veröffentlicht. Er wurde unter Babykram abgelegt und ist mit , , , , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Tage des Zorns

  1. Melanie sagte am :

    Ja! Ja! Ja! Ganz genau so ist es und nicht anders. Da ist nichts beschönigt und auch nichts übertrieben und auch mit einem 4-jährigem ist es noch genauso an manchen Tagen… an seinen Tagen.
    Ich genehmige mir an solchen Abenden dann zwar keinen Gin Tonic, sondern einen Rotwein aber das liegt nur daran, dass ich weder Gin noch Tonic zuhause habe.
    Aber wohl muss ich mir das dringend zulegen 💪🏻
    Ich schicke Dir ganz viel ☀️Schein und Gelassenheit
    Viele Grüße – ich verstehe Dich und geteiltes Leid ist halbes Leid – Melanie

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    • Danke, danke, liebe Melanie!!! Ich habe grösste Hochachtung vor allen Müttern, die solche Tage (und Nächte) durchstehen und immer wieder liebevoll und geduldig versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Irgendwann wird’s bestimmt besser – bis dann die Pubertät zuschlägt…;-) Prost!

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